Hat Arbeit eigentlich einen Sinn und wenn ja welchen?

Der Wert der Arbeit zwischen Verpflichtung, Freude und Erfüllung

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Die Antwort auf die Frage, welchen Sinn oder Wert Arbeit hat, hängt sicherlich davon ab, wen man fragt.

Für die einen ist Arbeit ein notwendiges Übel, um die Miete zu bezahlen und andere Kosten, die das Leben mit sich bringt, bestreiten zu können. Diese Menschen arbeiten, um zu leben. Vielleicht sehen diese Leute auch eine moralische Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft, weil es als unsozial angesehen wird, auf Kosten anderer zu leben. Wenn man diesen Gedanken positiv formuliert, stellt Arbeit natürlich auch eine Möglichkeit dar, den sozialen Status zu erhöhen, indem man Karriere macht oder ein Unternehmen gründet. Nicht zuletzt kann Arbeit ein Vehikel sein, um persönliche Ziele wie ein eigenes Haus und finanzielle Unabhängigkeit zu erreichen.

Idealisten würden antworten, dass Arbeit eine Möglichkeit bietet, die Welt besser zu machen. Diese Menschen erleben durch den Sinn, den sie in ihrer Arbeit sehen, eine Steigerung des Selbstwertgefühls und möglicherweise eine soziale Aufwertung durch diejenigen, die ihre Ideale (manchmal sind es auch Ideologien) teilen. Spirituelle Menschen nutzen Arbeit auch als eine Form der Meditation (ora et labora) bzw. etwas weniger spirituell veranlagte Zeitgenossen zur Strukturierung ihres Alltags. Altruistisch veranlagte Menschen sehen in der Arbeit einen Weg, anderen zu helfen oder eine Freude zu bereiten. Dass Geben seliger ist als Nehmen sagt ja schon der Volksmund, von daher geht es auch hier sicherlich für viele darum, sich selbst besser zu fühlen.

Evolutionär betrachtet ist die Arbeit natürlich ein ideales Feld, um dem evolutionären Impetus der Weiterentwicklung genüge zu tun. Auch dem Streben nach Macht oder positiver ausgedrückt dem Willen zur Übernahme von Verantwortung kann die Arbeit ein interessantes Spielfeld bieten. Der Sinn, welcher in der Arbeit gesehen werden kann, ist also höchst individuell und kann verschiedenste Ausprägungen annehmen.

Ist das schon alles?

Zum Glück nicht. Arbeit ist neben gesunder Nahrung, sauberem Wasser, Kleidung, einem Dach über dem Kopf und sozialen Kontakten ein menschliches Grundbedürfnis. Der Mensch braucht eine Aufgabe, um ein erfülltes Leben führen zu können. Besonders tragisch zeigt sich das in vielen Fällen, in denen sich Menschen jahrelang auf ihren Ruhestand gefreut haben, weil sie dann endlich nicht mehr arbeiten müssen, nur um dann kurze Zeit später sinnentleert zugrunde zu gehen, weil sie quasi erst auf dem Totenbett verstanden haben, welchen wichtigen Wert Arbeit in ihrem Leben dargestellt hat.

Wenn Menschen nicht mehr arbeiten, steigt das Risiko von Depressionen und Angststörungen dramatisch an. Ein prominentes Beispiel ist der ehemalige Chef von Trigema, Wolfgang Grupp, der nach der Übergabe seines Chefpostens an seine Kinder unter Depressionen gelitten hat und einen, zum Glück gescheiterten, Suizid verübt hat. Weniger prominent sind Millionen von unverschuldet arbeitslos gewordenen Menschen, die neben vielen anderen Herausforderungen auch mit einem Mangel an Sinn zu kämpfen haben. Arbeit ist in jeder Hinsicht eine notwendige Zutat für ein erfülltes Leben.

Jede Arbeit?

Das ist eine interessante Frage. Viele Menschen glauben, dass „ihre“ Arbeit sie glücklich machen sollte. Genauso wie „ihre“ Partner, „ihre“ Stadt oder „ihre“ Hobbys. Dies ist aber leider in jeder Hinsicht ein Trugschluss. Es sieht nur so aus, ob uns diese oder jene Arbeit glücklicher oder unzufriedener werden lässt, als eine andere. Natürlich ist ein Mensch mit zwei linken Händen im handwerklichen Bereich im Nachteil und wer keinerlei Taktgefühl besitzt, ist weder in diplomatischen Kreisen, noch in einem Studium der Musik besonders gut aufgehoben. Dennoch ist die Frage, welche Arbeit uns glücklich „macht“, falsch gestellt. Denn es ist nicht die Arbeit, die uns glücklich macht, sondern es ist unsere eigene innere Lebensfreude, welche wir in diese Arbeit hineinlegen.

Es kommt also auf unsere innere Einstellung an. Wenn wir eine Tätigkeit rundheraus ablehnen und unsere inneren Widerstände nicht hinterfragen, sind wir auch nicht glücklich. Im schlimmsten Fall macht uns dann die Arbeit krank. Wir jammern und klagen und die Jahre gehen ins Land, ohne dass wir etwas ändern. „Love it, change it or leave it“ lautet eine amerikanische Arbeitsphilosophie. Entweder kann ich mich mit der Tätigkeit soweit arrangieren, dass ich sie zumindest ohne Leiden akzeptieren kann (love it), ich finde einen Weg, die Arbeit anders zu erledigen oder durch einen anderen Menschen oder einen Roboter übernehmen zu lassen (change it)  oder ich gebe diese Arbeit auf, um das Leiden zu beenden (leave it). Das beliebte deutsche „Ertragen und anderen die Schuld geben“ kommt hier nicht vor.

Letztlich ist es egal, welchen Beruf wir ergreifen und welche Tätigkeiten wir ausüben. Wer verstanden hat, dass es auf die innere Einstellung ankommt, wird von den selbsterdachten oder angenommenen Zwängen befreit und kann eigenverantwortlich und selbstbewusst Entscheidungen treffen.

Und was gewinnen wir dadurch?

Gar nichts. Auch diese Frage ist falsch gestellt. Die richtige Frage ist, was wir nicht verlieren, indem wir unsere inneren Widerstände und Vorurteile fallen lassen: unsere eigene Lebensfreude. Das ist unser natürlicher Zustand. Wir können jede Tätigkeit, auch die stupideste oder körperlich schwerste, mit dieser Lebensfreude anfüllen und so unserer Arbeit und unserem Leben selbst einen Sinn geben.

Und wenn wir das konsequent machen, haben wir wahrscheinlich früher oder später das Glück, wahre Erfüllung in unserer Arbeit zu finden. Dann sind wir ein Pfeil, der seinem Ziel entgegenfliegt. Wir haben keinerlei Zweifel daran, dass wir am richtigen Platz zur richtigen Zeit sind. Das ist der Zustand, der benötigt wird, um wirklich Großartiges zu leisten. Michelangelos Decke in der Sixtinischen Kapelle oder Beethovens Neunte sind herausragende Beispiele für Arbeitsleistungen, die in diesem Zustand „Glückseligkeit in Arbeit“ vollbracht wurden.

Der persische Sufi-Dichter Hafis hat es so ausgedrückt: „Ich bin ein Loch in einer Flöte, durch die der Atem Gottes weht.“ Nicht mehr, aber auch nicht weniger kann Arbeit bewirken, der wir selbst ihren Sinn verleihen.

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